AEWO - Alles ein wenig ordentlich
26. November 2017, 16:13
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Stralsund im November

Altstadt von Stralsund von einer Zwischenebene der Kirche St. Marien aus
Altstadt von Stralsund von einer Zwischenebene der Kirche St. Marien aus

Gesund nach Stralsund

Gemäß meinem vorgezogenem guten Vorsatz, nämlich einmal im Quartal zu verreisen, war jetzt im November ein guter Zeitpunkt dafür, zumal ich einen Gutschein von der DB bekam für 25€ in der ersten Klasse zu einem beliebigem Ziel in Deutschland zu fahren. Aus verschiedenen Optionen wählte ich Stralsund. Es hat eine gute Distanz, ist an der Ostsee und der gewählte ICE hatte eine sehr humane Reisezeit, nämlich von 12:15 bis 16:50 an dem Sachsenfeiertag. Außerdem wollte ich schon einmal hin, musste aber im letzten Moment krankheitsbedingt absagen, also war es schon der zweite Versuch.

In der ersten Klasse Richtung Meer

Durch die Mittagsabfahrt genügte es, vormittags die Sachen zu packen und durch meine neue Bahnhofsnähe musste ich nur runter, über die Straße und schon war ich am Bahnsteig. Meine Sorge, dass wegen dem an diesem Tage stattfindenden Derby vor Remmidemmi am Bahnhof erwies sich als unbegründet, es war quasi nix los dort.
Die erste Klasse in der Bahn war eigentlich recht brotlos. Vielleicht ein klein wenig mehr Beinfreiheit und Bedienung am Platz, ansonsten konnte ich aber absolut keinen Unterschied zur 2. Klasse sehen. Jetzt gerade auf der Rückfahrt sitze ich in der zweiten Klasse und der Platz gefällt mir ehrlich gesagt sogar besser. Also werde ich auch in Zukunft nur mit der ersten Klasse fahren, wenn sie billiger ist.
Der Zug kam dann pünktlich in Stralsund an. Leider war es schon stockdunkel und ich hatte mir nur grob gemerkt, wo ich hinmuss (Marktplatz). Unter diesen Bedingungen ist es schon etwas merkwürdig in einer fremden Stadt und mit einem Weg, den man etwas unterschätzt hat. Aber wir leben ja in modernen Zeiten. Ein Blick auf eine Karte im Handy genügte.
Ich hatte ein Zimmer im Apartmenthaus Markt Fuffzehn gebucht, für 30€ die Nacht. Die Lage war perfekt, am Markt, alles Wichtige nah erreichbar. Und bis auf den Fakt, dass es nur ein kleines Dachfenster gab, hatte ich nichts zu meckern. Vor allem bei dem Preis. Hier hatte ich also einen guten Griff getätigt.
Unten im Haus war der Burgermeister, da konnte ich auch gleich was zu abend essen. Der Burger war gut.

Einmal kreuz und quer durch Stralsund

Als früher Vogel war ich schon vor 9 Uhr draussen. Diesen Tag hatte ich unter das Motto „durch die Stadt spazieren und entdecken“ gesetzt und mir vorher die grobe Runde um/durch die Innenstadt überlegt. Der erste Weg führte natürlich ans Wasser. Dort war eine schöne ruhige Stimmung und als die Sonne langsam durch die Wolken brechen wollte war auch das Licht dazu passend. Am Hafen machte ich ein paar Fotos, schön mit der Rügenbrücke. Leider forderte die Saison ihren Tribut. Ich hatte zwar schon vorher davon gelesen, aber als ich einen Matrosen frug bestätigte er mir, dass aktuell rein gar nichts als Boot fuhr. Auch überlegte ich, das Skurrileum dort zu besuchen, aber auch das war in der Winterpause.

Der Eingang der Kirche St. Marien. Kleine Menschen davor.

Der Eingang der Kirche St. Marien. Kleine Menschen davor.

Auf dem weiteren Weg kamen mir zwei Typen entgegen und einer von denen sprach mich an und fragte mich irgendwas zu meinen Schuhen. Und dann ob ich homosexuell wäre, explizit wegen meinen Stiefeln. Das hatte mich irritiert, schließlich sind es stinknormale Winterstiefel und mir wäre neu, dass nur gleichgeschlechtlich Liebende gerne warme Füße haben. Naja, so im Nachhinein vermute ich entweder wollten sie mich abzocken, entschieden sich dann aber dagegen weil ich keine Angst zeigte und wachsam war oder er war schwul und wollte mich anmachen. Oder das Gegenteil, sie sind intolerant und suchten jemanden um die Intoleranz auszuleben. Oder Option 4 auf Droge. Die sahen nicht aus wie Touristen und es war in der Woche und vormittag.
Schließlich gelangte ich zur Kirche St. Marien und schaute rein. So große Backsteingebäude haben was. Nicht direkt hübsch, aber sie haben eine schroffe Schönheit. Und laut dem verlinktem Wiki-Artikel war diese Kirche dereinst für rund 100 Jahre das höchste Gebäude der Welt. Schließlich sah ich, dass man für 4€ auf den Turm steigen konnte. Es stand dran, dass es ca. 350 Stufen sind und ich kam ins Grübeln, ob ich mir das zutraute. Schließlich hatte ich zuletzt öfters mit Schwindel und Schwäche zu kämpfen. Aber ich gab mir einen Ruck und wagte es. Es war tatsächlich eng und steil und später oben die Holztreppen waren nochmal steiler. Die Aussicht war aber toll. Nicht ganz so hoch wie meine Wohnung, aber fast. Runterzu wurde es schwieriger. Es kam leichter Schwindel und bei manchen Schritten fühlte es sich an wie kurz vorm Oberschenkelkrampf. Aber mit langsamen Gang und links und rechts festhalten ging es dann und irgendwann war ich wieder draussen.

Einer der engen Treppentürme von der Kirche St. Marien

Einer der engen Treppentürme von der Kirche St. Marien

Da ich aufs Frühstück verzichtet hatte, kam nun langsam der Hunger und ich ging ins Kartoffelhaus. Das war in einem Kellergewölbe. Da ich an der Ostsee war gab es Fisch. Die Portion war unangenehm groß und eher ein Berg als hübsch angerichtet, aber geschmeckt hat es trotzdem.
Anschließend ging es ins Stralsundmuseum. Es war nett, aber für meinen Geschmack etwas zu unstrukturiert. Ich hätte hier schlicht ein Museum zur Stadtgeschichte erwartet, aber es war eher ein Sammelsorium von verschiedenen Museumstypen.
Danach ließ ich mich in einem Kaffee nieder und flößte mir bedächtig einen Irish Coffee ein bei klassischer Musik im Nikolai Café. Da es dann schon langsam dunkel wurde und ich vom vielen Laufen doch etwas erschöpft, kehrte ich nach einem abschließendem Spaziergang schließlich wieder zur Unterkunft zurück.

Der Ozean von innen

Dieser Tag stand unter dem Motto Meer und Museum. In Stralsund gibt es das Ozeaneum und das Deutsche Meeresmuseum. Mit einem Kombi-Ticket für derzeit 23€ kann man in beide rein und das muss nicht zwingend an einem Tag sein.
Da draussen 5 Grad und viel Regen war, passte der Tag auch perfekt fürs Museum. Ich entschied mich zuerst den kurzen Weg Richtung Hafen zum Ozeaneum zu gehen und war kurz nach der Öffnung halb zehn dort. Im Internet stand etwas von einer Stunde Warten am Eingang, aber mir war schon klar dass das nur für die Hochsaison galt. Als ich da war, musste ich exakt null Sekunden warten, bis ich drankam. Zuerst kamen zwei Ebenen die eher Museum waren, wo allerlei Wissenswertes über Ost- und Nordsee ausgestellt wurde mit schönen Schaukästen. Danach dann die entsprechenden vielen und hübsch hergerichteten Aquarien. Auch Form und Technik waren verschieden und so war es auch in dieser Hinsicht interessant. Eine kommentierte Fütterung sah ich, aber die war kurz und eher unspektakulär, aber allemal interessant. Ich finde es immer putzig wenn Zoos ihren Tieren alberne Menschennamen geben. Wenn dann Wilfried oder Gertrude oder Heidi herumschwimmen.

Eines der Aquarien im deutschen Meeresmuseum

Eines der Aquarien im deutschen Meeresmuseum

Am Ende kam man in einen großen Saal wo präparierte Wale von der Decke hingen, es Liegestühle gab und es dann immer wieder für 10 Minuten ein kleines Programm gab, mit Licht und Erläuterungen. Das war schön gemacht.
Auffällig waren viele quengelige Kinder. Daraus schloss ich, dass diese Art von Museum/Aquarium eher nicht für kleine Kinder geeignet ist. Für die kurzen Momente wo das kleine Kind Interesse zeigt ist der Eintritt vermutlich recht teuer und man kann als Familie günstigere und schönere Aktivitäten machen. Aber wenn es schon in der Schule ist oder generell interessiert ist, sieht es wieder anders aus.
Auch auffällig waren die vielen Hinweise, wie böse der Mensch ist und wie kaputt er alles macht. Und dass man beim Rausgehen von einer Frau von Greenpeace abgefangen wurde, so wie in der Fußgängerzone wenn sie einem gezielt den Weg abschneiden. Ich bin hier eher skeptisch. Es ist gut wenn man zeigt wie schön der Ozean ist und auch darauf hinweist, dass er gefährdet ist. Aber es ist ein schmaler Grat zum Belehren (in negativer Form), bedrängen, betteln und ich glaube hier wurde er leicht überschritten. Kinder reagieren ja eher trotzig, wenn Eltern ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu denken haben und meiner Erfahrung nach ist das auch bei Erwachsenen so. Daher denke ich generell dass es besser ist, die Menschen dazu zu bringen, Dinge selbst zu erkennen. Und wenn sie dann Interesse zeigen, etwas beizutragen, dann kann man da sein und unterstützen. Ansonsten kann es leicht ins Gegenteil umkehren und der eigenen Sache ist kaum gedient.
Nach diesem Museum fand ich auch gleich am Hafen ein schönes Lokal, dessen Namen ich leider vergessen habe und was nicht bei Google Maps auftaucht. Dort gab es schönes Essen mit guter Aussicht und akzeptablen Preisen. Gleich daneben hab ich mir als Andenken eine getöpferte Schale gekauft mit Fischen als Motiv und nach etwas Ausruhen in der Kammer bin ich dann weiter zum Meeresmuseum.

Ein Walskelett im alten Kloster des deutschen Meeresmuseums

Ein Walskelett im alten Kloster des deutschen Meeresmuseums

Auch hier gab es eine Mischung aus Schaukästen und Aquarien. Außerdem war es architektonisch sehr interessant, so integriert in ein altes Kloster. Zusätzlich zum Thema Tiere und Pflanzen im Ozean gab es hier auch eine eher technisch angehauchte Abteilung zum Thema Fischerei. Und im Gegensatz zu den anderen Museen die ich in Stralsund anschaute, gab es hier schön viele Sitzgelegenheiten. Alles zusammengenommen fand ich, war das eine sehr schöne Mischung und ehrlich gesagt gefiel es mir hier deutlich besser als im Ozeaneum.

In der zweiten Klasse Richtung Weniger

11:11 Uhr fuhr der Zug, da machte ich vorher nichts mehr. Früh bekam ich einen kleinen Schreck, weil in der DB-App etwas Rotes erschien bei meiner Verbindung, das war aber nur ein Gleiswechsel. Am Bahnhof dann nochmal ein Schreck, weil bei jeder Verbindung eine Laufleiste an der Anzeigetafel war. Offenbar war eine überraschende Baustelle im Nebel aufgetaucht, wodurch die direkte Verbindung gekappt war. Mit dem zweiten Blick war aber alles fein, weil nur alle Stops zwischen Stralsund und Berlin ausfielen. Das hieß 3 Stunden ohne Stopp, an einem leeren Viererplatz (viel Beinfreiheit) und durch den recht leeren Zug auch volles ICE-WLAN. Nur ab Berlin wurde es dann recht voll, aber von da aus war es ja nur noch eine gute Stunde bis Leipzig.
Es war eine nette kleine Reise und Stralsund ist allemal einen Kurztrip von 2-3 Tagen wert. Im Sommer vielleicht auch etwas länger, da es dann mehr Optionen gibt, was man tun kann.

Eine hübsche Passage im Rathaus von Stralsund mit kleinen Läden

Eine hübsche Passage im Rathaus von Stralsund mit kleinen Läden